
Use Case · 4 Min. Lesezeit · 8. Juni 2026
CEO Michael O'Leary lehnt Werbeagenturen ab und inszeniert Provokationen als Gratis-PR. Trotzdem: Rekordgewinne und 200 Millionen Passagiere. Das Anti-Branding wirkt – und wird komplett unterschätzt.
Ryanair, 1984 in Irland gegründet (Quelle: Wikipedia, 2024), ist nach Passagierzahlen die grösste Fluggesellschaft Europas. Im Geschäftsjahr 2025/26 ein Rekordgewinn von 2,26 Milliarden Euro, der Umsatz stieg um elf Prozent auf 15,5 Milliarden, befördert wurden mehr als 200 Millionen Passagiere (Quelle: Airliners.de, 2026). CEO Michael O'Leary lehnt teure Agenturen ab und inszeniert seit Jahren Provokationen als Gratis-PR, etwa "Bye Bye Latehansa" oder einen Panzer-Auftritt gegen easyJet (Quelle: Wikipedia, 2024).
O'Leary hat seine Linie selbst benannt: "We don't have a brand strategy at all" (Quelle: Campaign, 2013). Genau darin liegt aber die eigentliche Positionierung mit System. Der No-Frills-Auftritt, der freche Ton, die Stunts senden alle dieselbe Botschaft: wir sparen an einfach allem, einfach nur damit der Preis stimmt. Negative Schlagzeilen bringen laut O'Leary mehr Buchungen als positive, das spart zweistellige Millionenbeträge an Werbung. Die Formel läuft bis heute sehr gut und wird komplett unterschätzt oder nicht mutig angewendet, Branding braucht manchmal sehr viel Mut.
Anfang 2026 drehte Ryanair eine öffentliche Fehde mit Elon Musk in eine Rabattaktion namens "Big Idiot Sale" (Quelle: Business Insider, 2026). Trotzdem hatte die Provokation eine Grenze. 2013 stand das Markenimage an einem für O'Leary selbst unhaltbaren Punkt – die Verbraucherorganisation Which? kürte Ryanair zur schlechtesten Marke im Kundenservice (Quelle: Real Business, 2015).
Ryanairs Anti-Branding wirkt wie das Fehlen einer Strategie. In Wahrheit ist es aber eine sehr kalkulierte und disziplinierte Markenpositionierung. Sie trägt nur, weil zwei Dinge dazukommen: ein kompromisslos ehrlicher Tiefpreis und, seit 2014, Verlässlichkeit. Wer nur provoziert, verkauft das erste Ticket. Verlässlichkeit verkauft das zweite usw.
Verlässlichkeit als zweite Markenebene aufbauen, ohne den frechen Ton zu verlieren. Genau das tat Ryanair 2014 mit "Always Getting Better": gleicher Tiefpreis, dazu pünktlicher und freundlicher. Die Beschwerden sanken um 40 Prozent, der Jahresgewinn stieg um 66 Prozent auf 867 Millionen Euro (Quelle: Real Business, 2015).
Den Spott nach aussen richten, an einen klaren Gegner, und immer an dieselbe Botschaft koppeln: bester Preis. Konkurrenten und Milliardäre vertragen den Hieb und liefern Reichweite gratis, wie zuletzt Musk (Quelle: Business Insider, 2026). Eine echte Beschwerde verträgt den Spott nicht.
Die radikale Ehrlichkeit zum Versprechen machen. Ryanair gibt nie vor, premium zu sein, und verkauft die Knauserigkeit offensiv als Kundenvorteil (Quelle: Campaign, 2013). Diese Konsistenz senkt Erwartungen, senkt Beschwerden und baut Vertrauen.
Eine zugespitzte und sogar unbequeme Markenpersönlichkeit ist dann ein Vorteil, solange dahinter ein Versprechen steht, das du jeden Tag hältst. Sixt macht etwas Ähnliches in der DACH-Region seit Jahren: provokante, tagesaktuelle News in Werbekampagnen umwandeln (Guerilla Marketing) als Gratis-Reichweite, dahinter ein verlässlicher Premium-Mietwagen-Service. Frag dich bei deinem eigenen Auftritt: Ist er nur laut, oder trägt der Ton wirklich etwas, das du auch lieferst, nicht nur provoziert? Aufmerksamkeit ist billig zu haben, wenn es gekonnt eingesetzt wird. Wiederkäufer entstehen erst, wenn die Marke ihr Versprechen nicht nur behauptet sondern wirklich mit Disziplin täglich umsetzt.
Wie sieht deine Werbung aus? Willst du wissen, ob die Haltung deiner Marke trägt oder nur laut ist? Schreib mir direkt, ich gebe dir ehrliches Feedback, oder lass uns virtuell Kaffee trinken.
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